|
Lifestyle |
|
Back to the Road
"Easy Rider"
Amerika, das Land der
unbegrenzten Freiheit, ist für viele
der Traum schlechthin. Auch Wyatt und Billy hatten so
einen
Traum - er wurde allerdings zum Alptraum.
Dafür wurden ihre Harleys
bald Vorbilder einer neuen Choppergeneration,
"Easy Rider" brachte
es zum Kultfilm.
Der Schock von damals ist längst überwunden,
Chopper-Bikes sind inzwischen salonfähig.
Text: Winni Scheibe
Fotos: Neue Visionen, Coleman, Scheibe, Archiv
|
|

"Der Weg ist das Ziel"
(Foto: Neue Visionen)
|
|
Easy
Rider ist Amerika, so wie McDonalds, Hamburger, Levis, Coca Cola und
Harley-Davidson. Und wer schon von Easy Rider spricht, denkt automatisch
an Chopper. An exakt die beinharten Chopper, mit denen die beiden
Filmhelden Wyatt und Billy Ende der sechziger Jahre ihre Freiheit
erfahren wollten. Wyatt, der sich vorzugsweise Captain America nannte,
hatte einen ganz besonderen Chopper. Nicht nur, dass im "Stars and
Stripes" lackierten Tank röllchenweise Dollarscheine versteckt
waren, das Bike war bereits damals ein Kunstwerk. Ein Unikat, eine
Sonderanfertigung - keine Stangenware, nichts vom Fließband.
Ursprünglich waren die beiden Film-Panheads nur als Mittel zum Zweck
gedacht. Zwei Harleys in einem Reisefilm, bei dem es nicht um Start und
Ziel ging, sondern der Weg war das Ziel. Die beiden kleinen Drogendealer
Wyatt, alias Peter Fonda, und Billy, alias Dennis Hopper wollten bei
einer Motorradtour von Los Angeles zum "Mardi Gras" in New
Orleans eigentlich nur ihre Heimat, das Land der unbegrenzten
Möglichkeiten mit ihrer grenzenlosen Freiheit, erkunden.
|
|

Die beiden Harleys von Wyatt (Peter
Fonda) und Billy (Dennis Hopper)
wurden Vorreiter der Choppergeneration
(Foto: Neue Visionen)
|
|
Die Namen der
legendären Westernhelden Wyatt Earp und Billy the Kid hatte man
hierfür absichtlich gewählt. Schließlich sollte es ein Dokumentarfilm
über Land, Leute, Natur, Freiheit, Kultur, Geschichte,
Gastfreundschaft, ein bisschen von den Hippies und wer weiß was sonst
noch werden. Doch daraus wurde nichts, der Trip wurde zum Alptraum und
endete für die Boys im Film mit dem Tod. Der gesellschaftskritische
Streifen schlug 1969 wie eine Bombe ein und wurde zum Kultfilm
schlechthin. Aber nicht nur das. Die beiden Harleys von Billy und Wyatt
waren plötzlich Vorbilder für eine vollkommen neue Choppergeneration.
Denn kaum hatte sich herumgesprochen, mit was die Helden unterwegs
gewesen waren, wurde gesägt, gebogen und geschweißt, bis man einen
eigenen "Easy Rider" hatte. Denn zu kaufen gab es Chopper und
solche wie im Film schon lange nicht, daran dachte Ende der 60er Jahre
keiner. Weder Honda, Yamaha, Suzuki, Kawasaki und am allerwenigsten
Harley-Davidson. Warum auch? Kerle, die einen Chopper fuhren, waren
keine "Zielgruppe". Sie waren eine absolute Minderheit, sie
waren Individualisten, Außenseiter, Underdogs, Outlaws, und weil sie
nicht so sein wollten, wie die anderen Motorradfahrer, "choppten"
(frei übersetzt: abhacken) sie ihre Maschinen in Eigenregie. Hätte es
aber damals bereits Fließband-Chopper gegeben, sie hätten sich bei den
Händlern mit Sicherheit Plattfüße geholt.
|
|
"The Wild One" war Mitte der fünfziger Jahre
der erste echte Motorradfilm

Bevor es Chopper gab nannten die US-Biker
ihre Feuerstühle "Bobber"
|
|
Die
Ursprünge der Chopper- und Bikerszene basieren allerdings nicht auf
"Easy
Rider", sondern begannen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Los ging
es in Kalifornien. Salonfähig waren die Biker auf ihren skurrilen
Feuerstühlen jedoch nicht. Ganz im Gegenteil. Am 4. Juli 1947 feierten
die US-Bürger ihren Nationalfeiertag. Besonders toll trieb es eine
"wilde Horde" Motorradfahrer in Hollister, ein kleines Kaff
südlich von San Francisco. Es wurde gesoffen und derbe Sprüche
rausgelassen. Angeblich soll es auch eine Keilerei gegeben haben.
Eigentlich nichts Außergewöhnliches, schließlich kam so etwas bei
fast jedem größeren Fest vor.
|
Doch zwei Wochen nach der Randale in
Hollister erschien ein Bericht im Life-Magazin. Die Krönung des
Sensationsartikels war ein Foto, das einen offensichtlich betrunkenen
Biker zeigte. Für die verspießte amerikanische Gesellschaft war die
Geschichte ein riesiger Skandal und jeder, der Motorrad fuhr, bekam
sofort sein Fett weg. Und so darf es nicht wundern, dass fortan bei
jedem kleinen Vorfall Motorradclubs, kurz MCs, in die Schlagzeilen
gerieten. Ganz gleich ob "Boozefighters", "Bandidos",
"Dragons", "Vargos", "Mongols" oder "Hells
Angels", die Bevölkerung warf alle MCs in einen Pott. Für sie
waren es böse Buben, denen man nicht von hier bis über die Straßen
trauen durfte, und so einen als Schwiegersohn hätte den Weltuntergang
bedeutet.
|

Titelstory im Life-Magazin
(Foto: Archiv) |
|
Die MC-Mitglieder sahen es dagegen ganz anders. Für sie bedeutete der
Club eine feste Gemeinschaft, für viele war der Club wie eine zweite
Familie. Man hielt zusammen wie Pech und Schwefel, und bei der
Maschinenwahl gab man sich großzügig. Neben Harleys wurden genauso
gern Indians, Triumphs, BSAs, Nortons und sogar BMWs gefahren.
|
|

Triumphfahrer Brando in "The Wild
One"
(Foto: Archiv) |
Nun wäre Hollywood aber nicht Hollywood, hätte man nicht gleich aus
dem Hollister-Skandal einen Film gemacht. Mitte der fünfziger Jahre kam
das Spektakel mit dem Titel "The Wild One" (Der Wilde) ins
Kino. Die Hauptrolle spielte Marlon Brando - er fuhr allerdings keine
Harley-Davidson, sondern eine Triumph. The Wild One war der erste echte
Motorradfilm, oder besser gesagt Biker-Film. In den nächsten Jahren
folgten andere Biker- beziehungsweise Rockerfilme. Zum Beispiel "Die
wilden Engel" oder "Hells Angels". Inzwischen saß ein
Großteil der Biker auf
Harley-Choppern.
|
|
"You meet the nicest people on a Honda"
|
|
Der Motorradindustrie war dieses Biker-Image allerdings überhaupt nicht
recht. Anfang der sechziger Jahre war in Amerika ein gewaltiger
Motorradboom in Gang gekommen. Englische, aber auch japanische Firmen
verzeichneten gewaltige Umsätze. Bereits 1959 hatte Soichiro Honda eine
Werksniederlassung in Los Angeles gegründet. Mit einem rund zwei
Millionen Dollar teuren Reklamefeldzug eroberte Honda die USA. Der
Werbeslogan "You meet the nicest people on a Honda" ging
in die Geschichte ein. |
Zwar
verkaufte Honda in jener Zeit nur Mopeds und
Motorräder bis maximal 305 ccm, aber auch die anderen Marken
profitierten vom Imagewechsel. Die Amis schienen regelrecht
motorradverrückt zu sein. Man hatte es als Freizeit-, Spaß- und
Hobbyfahrzeug entdeckt. Mit dem harten Kern, den rohen, langhaarigen und
schmuddeligen Bikern auf ihren Choppern, wollten die Feierabend- und
Sonntagsfahrer allerdings nichts zu tun haben. Aus San Francisco
schwappte die Flower-Power-Bewegung übers Land, und wer gut draufsein
wollte, rauchte einen Joint.
|

Flitzer: Honda Cub 50
(Foto: Archiv) |
|
Easy Rider hat im Ursprung nichts mit Motorräder zu tun

(Foto: Neue
Visionen)
|
|
Vielleicht beginnt Easy Rider auch deswegen mit einem Drogengeschäft,
und die beiden Hauptdarsteller sahen wie waschechte Hippies aus.
Entgegen sonst üblicher Hollywood-Werke waren die rund 300.000 Dollar
Film-Produktionskosten Peanuts. Um den Film überhaupt finanzieren zu
können, kratzten Fonda und Hopper ihre Ersparnisse zusammen. Die Story
für den Film lieferte eine wahre Begebenheit, die Dennis Hopper
zufällig in einem Zeitungsartikel gelesen hatte. Irgendwo in den
Südstaaten waren zwei Motorradfahrer vollkommen grundlos erschossen
worden. Schnell wurde die Idee auf Papier gekritzelt, ein richtiges
Drehbuch gab es nie! Der Titel hatte zunächst keinerlei Verbindung zum
Motorradfahren. Als "easy ride" bezeichnete man nämlich eine
Hure, mit der alle ihr leichtes Spiel trieben, und in den Südstaaten
nannte man den Geliebten einer Hure "easy rider", weil er
"Es"
umsonst bekam. Und genau in dieser Situation befänden sich die USA,
waren sich Peter Fonda und Dennis Hopper sicher. Die Freiheit wäre zur
Hure geworden, und jeder genehmige sich einen "easy ride".
|
|

(Foto: Neue
Visionen)

Peter Fonda und Dennis Hopper wurden tatsächlich angepöbelt
(Foto: Neue Visionen)
|
|
Die Menschen, denen Billy und Wyatt auf ihrem Weg nach New Orleans
begegneten, wussten natürlich nichts von dem Dollarsegen aus dem
Drogengeschäft im Tank. Für sie waren es zwei verlumpte und
runtergekommene Biker. Typen, denen man das Hotelzimmer verweigerte und
die man am besten gleich zum Teufel jagte. Wie dicht sie mit ihrem
Filmstoff tatsächlich an der Realität des Lebens waren, erfuhren die
beiden freundlichen und friedfertigen Harleyfahrer während der
Dreharbeiten. Mehrere Male wurden Peter Fonda und Dennis Hopper
tatsächlich angepöbelt und sogar bedroht. Authentisch erlebten sie das
Gefühl des Störungsfaktors in einer heilen Welt.
Einen Einblick in die verlogene amerikanische Gesellschaft spiegelte die
Film-Rolle von Jack Nicholson wieder. Als gut gekleideter Provinz-Anwalt
George Hanson entpuppte er sich zum Alkoholiker und Marihuana-Raucher:
"Morgens ein Joint und der Tag ist dein Freund...". Er brach aus
seinem Alltag aus und begleitete die beiden langhaarigen Biker. Doch
nicht lange. Ungeachtet seiner Person wurde er von ordnungsliebenden
Bürgern hinterrücks ermordet.
|
|

Provinz-Anwalt
George Hanson wurde für ein paar Meilen Biker

Anwalt Hanson: "Morgens ein Joint und der Tag ist dein Freund..."
(2 Fotos: Neue Visionen)
|
|
Easy Rider haben Peter Fonda und Dennis Hopper aus dem Bauch heraus
gedreht. Abends überlegte man sich, was am nächsten Tag in den Kasten
sollte. Kulissen oder ein Bühnenbild wurden nicht gebraucht, die
sagenhaft schöne Landschaft durch die Captain America und sein Kumpel
Billy fuhren, gab mehr als genug her, und kleine Nebenrollen sowie
Statisten engagierte man spontan und direkt vor Ort. Von Anfang bis Ende
wurde improvisiert. Und trotzdem oder vielleicht deswegen wurde Easy
Rider zum Erfolg, zum Supererfolg sogar, nämlich zum Kultfilm,
Bikerfilm und Rockmusikfilm. Zehn Lieblingsstücke von Peter Fonda
bildeten den Soundtrack. Seit Easy Rider gibt es wohl keine Bikerfete
ohne Steppenwolfs "Born to be wild".
|
|
Der MC-Bones waren 1968 bei unser der erste echte Biker-Club
|
|

(Foto:
Archiv Coleman)
|
|
Fast zeitgleich zu Easy Rider kamen bei uns die Chopper-Philosophie und
Biker-Manie in Mode. Mode deswegen, weil alle, die meinten sie hätten
Ahnung, den Choppern keine Zukunft gaben - ein gewaltiger Irrtum, heute
sind gut ein Viertel aller neu verkauften Motorräder Chopper. Doch der
Stein war längst ins Rollen gekommen. Seit 1968, fünf Jahre vor den
"Hells Angels" in Hamburg, gab es in Frankfurt einen echt
amerikanischen Biker-Club, die "Bones". In diesem MC waren nur
US-Soldaten organisiert, die fern der Heimat ihr Hobby pflegten. Genau
wie bei den MC`s zu Hause trugen sie die "Colors"
(Clubabzeichen) auf dem Rücken ihrer Jeansjacke. Eine übergroße
Knochenhand, die auf schwarzen Stoff gestickt war. Nur einstimmig
akzeptierte Bewerber wurden in den Club aufgenommen und durften dann
diese Colors tragen.
|
|
Damals war Larry Coleman "Präsident"
der Frankfurter Bones. Als Larry mit einigen US-Boys die Bones
gründete, ahnte sicherlich keiner von ihnen, dass der Club mal Ursprung
für den Bikerkult in Deutschland werden sollte. Nicht nur, dass die
Bones sich im Laufe der Jahre zu dem größten Biker-Club bei uns
entwickelten, auch sind sie für viele deutsche MC`s das Vorbild. Heute
ist der Club fest in deutscher Hand, die Amis sind in ihre Heimat
zurückgekehrt. Geblieben ist die Erinnerung zum Ur-Chopper, die
Vorbilder aus Easy Rider gingen den Jungs nicht mehr aus dem Kopf. |

Larry Coleman
(Foto: Archiv Coleman) |
|
Ein Mythos, der bis heute lebt (bebt):
"Born to be wild"
|
|

Easy Rider Nachbau von V-Triebwerk in
Rietberg |
|

Easy Rider Nachbau von Harley-Davidson Hannover

|
|

Easy Rider US-Nachbau von CMC
|